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"Wulff, Medien und Macht" - Serviceplan Geschäftsführer Jörg Ihlau über das   Verhältnis von Medien und Macht


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04.2012

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"Wulff, Medien und Macht" - Serviceplan Geschäftsführer Jörg Ihlau über das   Verhältnis von Medien und Macht


04.2012

(erschienen auf prreport.de am 03.04.12)

Es ist das sicherste Indiz: Wenn die Talkshow-Redaktionen den Schattenmann der politischen PR, Moritz Hunzinger, exhumieren, steht mal wieder das Verhältnis von Macht und Medien zur gefälligen Debatte an. Der Anlass kann sich sehen lassen, immerhin hat das Staatsoberhaupt für ein sattes Vierteljahr den Gesprächsstoff geliefert.

Das ist für eine Kommunikationskrise eine ansehnliche Aufmerksamkeitsspanne, in Fukushima erkaltete die öffentliche Aufmerksamkeit deutlich schneller als der Wulff-Spott und die Brennstabreste. Wie immer in solchen Situationen sind die Kollateralschäden am unterhaltsamsten, weil unvorhersehbar. Diesmal ist der Markt des politischen Eventmanagements unter Generalverdacht geraten, zugleich hat es den Journalistenrabatt der Deutschen Bahn, von Air Berlin und der Telekom dahingerafft. Wer letzteres beim weihnachtlichen Empörungssturm zur Mailboxbeschimpfung prognostiziert hätte, wäre zweifelnden Rückfragen zur persönlichen Befindlichkeit ausgesetzt gewesen.

Bewahrheitet hat sich, wenn nicht im Ergebnis, so doch im Verfahren, die alte Regel, wann eine Affäre zum Rücktritt führt. Die Geschichte lehrt, dass die Rücktrittswahrscheinlichkeit verschwindend wenig mit der Intensität der öffentlich inkriminierten Verfehlung zu tun hat. Es sind Politiker wegen lächerlicher Kleinigkeiten zurückgetreten und andere nach handfesten Skandalen jahrzehntelang an mächtigen Positionen verblieben.

Entscheidend ist fast ausschließlich das Opportunitätskalkül der eigenen politischen "Freunde".Jürgen Möllemann war als Vizekanzler schon vielen Liberalen ein Dorn im Auge, am Ende führte ein Einkaufschip-Emfehlungsbrief zum Abschied aus dem Bundeskabinett und zum Einstieg in immer verwegenere politische Kapriolen. Ein neuerlicher Austausch des Bundespräsidenten erschien hingegen der Parteivorsitzenden so wenig hilfreich, dass sie trotz dessen Angriffen auf einflussreiche Journalisten und seiner wenig trennscharfen Einstellung im Dreieck von Freundschaft, Geld und Politik bis zuletzt an ihm festhielt.

Nebenbei ein weiterer Kollateralschaden: Diese Wochen haben allen die Illusion geraubt, dass das Staatsoberhaupt qua Amt seinem Namen gerecht wird. Frau Merkel hat uns allen gezeigt, wer Präsidenten auswählt. Nach der Gauck-Wahl muss man sagen: auszuwählen versucht. War kein schöner Tag für sie. Ein Bundespräsident ist jedenfalls kein Staatsoberhaupt qua Amt, er muss sich diese Reputation mit der Waffe des Wortes und auf Grundlage persönlicher Reputation erarbeiten. (Das war wohl schon immer so.)

Die Grenzen der Medienmacht

Die Grenzen der Medienmacht hat dann der Rücktritt selbst offenbart: Die besten investigativen Journalisten waren monatelang auf der Hatz und haben tatsächlich allerlei Anrüchiges zu Tage gefördert. Medienleute haben mit Medienleuten diskutiert, wann denn nun wirklich Schluss sei, und dies in unzähligen Sendeminuten inszeniert.

Vor allem die konservative Presse hat ihre enttäuschte Sehnsucht nach einer polit-ethisch tauglichen Leitfigur zum Ausdruck gebracht, gipfelnd im Spottgedicht eines "FAZ"-Herausgebers auf Seite zwei - mehr Hilferuf an die Unionsspitze geht wirklich nicht. Aber den Rubikon haben trotz alledem nicht Medien, nicht Journalisten definiert. Am Ende war ein mutiger Staatsanwalt in Hannover nötig. Mit der formalen Einleitung eines Ermittlungsverfahrens setzte er das Rücktrittssignal, nach quälenden Selbstzerfleischungswochen der (staats)bürgerlichen Werte dann gefühlt in Schallgeschwindigkeit. Dabei waren die staatsanwaltschaftlich zu untersuchenden Fakten und Vorwürfe bereits längst öffentlich ausgebreitet.

Bei aller Macht, die eine freie Presse entfalten kann. Und bei aller Ohnmacht, die ein inkonsistentes, vor allem schlecht getaktetes Krisenmanagement des Wulff-Stabs offenbart hat: Den Maßstab zum Rücktritt, die Grenzziehung zwischen peinlich und unerträglich haben nicht die Medien zu setzen vermocht. Erst der althergebrachte Leitsatz, dass ein aktiver Politiker unvereinbar ist mit einem strafrechtlichen Ermittlungsverfahren, hat die Entscheidung gebracht.

Bliebe den Talkshows die spannende Frage, wie unabhängig Ermittlungsprioritäten der Justiz von medialer Aufmerksamkeit sind. Oder wann persönlich gemeinte Mailboxansprachen von Politikern an Journalisten unter das vertrauliche "unter 3-Prinzip" fallen und wann sie zur Staatsaffäre hochzuziehen sind, indem man sie anderen Redaktionen zugänglich macht. Aber so weit wird es nicht mehr kommen. Die Aufmerksamkeit für die Causa Wulff und die Macht der vierten Gewalt ist längst überspannt. Nächstes Thema!

Quelle: PR-Report

 

 

 

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